Lithium: Das Spurenelement, das du trinken, aber nicht kaufen darfst
Lithium kennen die meisten als Rohstoff für Akkus. Dass dasselbe Element in kleinen Mengen in Lebensmitteln steckt, im Trinkwasser und sogar in deinem Gehirn, wissen die wenigsten. Als Nahrungsergänzungsmittel ist es in Deutschland und der gesamten EU verboten. Über Mineralwasser darfst du es trinken, als Tablette im Reformhaus aber nicht kaufen.
In der Ernährungsszene erlebt Lithium gerade einen regelrechten Boom. Es kursieren Videos mit vagen Empfehlungen, und um das Verbot ranken sich zahlreiche Mythen.
In diesem Artikel klären wir, worauf der Hype beruht, was sich Befürworter davon versprechen, ob Lithium gefährlich ist, warum der Verkauf verboten ist und was du im Alltag sinnvoll damit anfangen kannst.

Das Wichtigste in Kürze
- Lithium ist ein Spurenelement und kommt natürlich in Wasser und Pflanzen vor.
- Als Nahrungsergänzungsmittel ist Lithium in Deutschland und der EU verboten.
- Befürworter erhoffen sich einen positiven Einfluss auf Stimmung, Hirnleistung und Gesundheit.
- Über einige Heilwässer kannst du legal Mengen aufnehmen, die einem Supplement nahekommen.
- Ein gesundheitlicher Nutzen einer Lithium-Supplementation ist wissenschaftlich nicht belegt.
Warum ist Lithium plötzlich im Hype?
So neu, wie es wirkt, ist das Thema nicht. Die Idee, dass schon winzige Mengen Lithium dem Menschen guttun, reicht bis 1990 zurück. Damals verglich der Chemiker Gerhard Schrauzer texanische Bezirke und fand ein Muster: Wo das Trinkwasser von Natur aus mehr Lithium enthielt, lagen die Raten für Suizid, Gewaltverbrechen und Drogendelikte niedriger. Schrauzer schlug daraufhin sogar vor, Trinkwasser gezielt mit Lithium anzureichern, und vertrat die These, Lithium sei ein übersehenes, lebensnotwendiges Spurenelement.
Hinweise aus verschiedenen Richtungen
In den Jahrzehnten danach wuchs der Unterbau:
- Trinkwasser-Beobachtungen. Studien aus Japan, Österreich und weiteren Ländern bestätigten das Texas-Muster: mehr Lithium im Wasser, niedrigere Suizidraten.
- Kleine Humanstudien. In einer brasilianischen Untersuchung blieb die geistige Leistung von Alzheimer-Patienten bei der Gabe von 0,3 Milligramm Lithium pro Tag über 15 Monate stabil, während sie unter Placebo abnahm.
- Labor- und Tierforschung. Im Labor griff Lithium in Prozesse ein, die bei Alzheimer ablaufen, und verbesserte das Gedächtnis von Versuchstieren.
- Erfahrung aus der Psychiatrie. Dass hochdosiertes Lithium die Suizidrate bei bipolaren Patienten senkt und sich auf Demenzerkrankungen auswirkt, ist wissenschaftlich gut belegt.
Daraus erwuchs der Schluss, ein wenig davon könnte auch Gesunden helfen. Hinzu kam die Verfügbarkeit. In den USA ist niedrig dosiertes Lithiumorotat seit Jahren frei als Nahrungsergänzung erhältlich, beworben von einzelnen Ärzten und Ratgebern.
Der Auslöser: die Nature-Studie 2025
Der richtige Hype nahm im August 2025 noch einmal Fahrt auf, als eine Arbeit in der Fachzeitschrift Nature einen Lithiummangel im Gehirn mit der Entstehung von Alzheimer verband. Sie verlieh der Idee die Glaubwürdigkeit eines Spitzenjournals, und die mediale Berichterstattung trug das Thema über die Szene hinaus.
Was versprechen sich die Lithium Anwender?
Wer niedrig dosiertes Lithium einnimmt, verfolgt damit konkrete Ziele. In Foren, Podcasts und Ratgebern wird der Stoff vor allem für vier Wirkungen beworben.
- Ausgeglichenere Stimmung. Lithium soll innerlich ruhiger machen, Reizbarkeit dämpfen und Stimmungsschwankungen abfedern.
- Mehr Gelassenheit unter Stress. Anwender berichten von einem ruhigeren Umgang mit Belastung und Anspannung.
- Schutz fürs alternde Gehirn. Hier erhoffen sich viele den Erhalt der geistigen Leistung und einen Schutz vor Demenz.
- Langsameres Altern. In der Longevity-Szene gilt Lithium als möglicher Baustein für ein längeres, gesünderes Leben.
Wie weit die Belege reichen, klären wir im nächsten Abschnitt.
Lithium: Was ist gesichert?
Lithium als Arzneimittel
Dass Lithium im Gehirn wirkt, steht außer Frage. In hoher Dosis stabilisiert Lithium die Stimmung bei bipolaren Störungen und senkt nachweislich die Suizidrate. Der Unterschied zur Supplement-Welt liegt in der Dosis. In der Therapie werden Lithiumsalze wie Lithiumcarbonat in deutlich höheren Arzneimittel-Gaben eingesetzt. Die Menge an elementarem Lithium liegt weit über dem, was über Nahrung, Trinkwasser oder niedrig dosierte Supplements aufgenommen wird.
Die Nature-Studie von 2025
Die zentralen Experimente dieser Studie fanden an Mäusen statt. Dort löste ein künstlich erzeugter Lithiummangel Alzheimer-typische Veränderungen aus. Gab man den Mäusen Lithium, gingen diese Veränderungen zurück und ihr Gedächtnis erholte sich.
Tierergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen, viele Effekte aus dem Mausmodell bestätigten sich später beim Menschen nicht.
Beim Menschen beruht die Arbeit auf dem Hirngewebe Verstorbener. Der Lithiumgehalt bei Alzheimer Patienten war niedriger als bei Gesunden. Das ist ein Zusammenhang, keine Ursache.
Lithium im Trinkwasser
Die Trinkwasser-Studien liefern ein gemischtes Bild. Einige fanden in Regionen mit mehr Lithium niedrigere Suizid- und Demenzraten, andere fanden keinen Zusammenhang. Eine große dänische Auswertung sah unterhalb von 31 Mikrogramm pro Liter keinen Effekt, und ein beobachteter Demenzvorteil verschwand, sobald man Alter und Bildung herausrechnete.
Kleine Studien am Menschen
Erste Studien mit Mikrodosen an Patienten mit beginnender Demenz deuten in eine günstige Richtung. Die Teilnehmerzahlen sind bislang klein, für eine allgemeine Empfehlung reicht das nicht.
Was offen bleibt
Für die eigentliche Frage gibt es bisher keine Antwort. Keine Studie hat gezeigt, dass ein gesunder Mensch durch eine niedrige Lithiumdosis länger lebt, klarer denkt oder seltener dement wird. Die vorhandenen Daten sind aber plausibel genug, um größere Studien zu rechtfertigen. Lithium tut nachweislich etwas im Gehirn. Ob ein wenig davon dem Gesunden hilft, bleibt vorerst offen.
Warum ist Lithium als Supplement in Deutschland verboten?

Die EU Positivliste
Nahrungsergänzungsmittel in der EU unterliegen der Richtlinie 2002/46/EG. Sie arbeitet mit einer Positivliste der zugelassenen Vitamin- und Mineralstoffverbindungen. Lithium steht nicht darauf. Damit ist es in Nahrungsergänzungsmitteln nicht zulässig.
Warum steht Lithium nicht auf der Liste?
Anders als Eisen, Magnesium oder Zink gilt Lithium offiziell nicht als essenzielles Spurenelement. Ein Bedarf für den Menschen ist nach Einschätzung der zuständigen Behörden nicht belegt. Das EU-Verfahren, in dem die Lebensmittelbehörde EFSA die Sicherheit eines Stoffes bewertet, ist für anerkannte Nährstoffe gedacht und wurde für Lithium nie eingeleitet.
Der Widerspruch bei der Dosis
Wie bereits erwähnt, ist Lithium ein Arzneistoff. Seine Anwendung erfordert hohe Dosen und eine Überwachung der Blutwerte. Diese strenge Risikobewertung aus der Medizin überträgt sich auf das Supplement, obwohl dort nur ein Bruchteil der Menge im Spiel ist.
Steckt die Pharmaindustrie dahinter?
Lithium als Medikament ist uralt, längst patentfrei und relativ günstig. Es gibt kein lukratives Produkt, das ein Supplement-Verbot schützen würde. Plausibler als ein gezieltes Manöver ist für uns die Übervorsicht und die Trägheit der zuständigen Zulassungsstellen, die Lithium einmal als Arzneistoff eingestuft haben und dabei belassen.
Gezielte Ernährung statt Lithium Supplements
Befürworter niedrig dosierter Lithium-Supplements orientieren sich an 1 bis 5 Milligramm elementarem Lithium pro Tag. Eine offiziell anerkannte Zufuhrempfehlung gibt es nicht.
Schätzungen zur natürlichen Lithiumaufnahme unterscheiden sich je nach Land und Region deutlich. Eine ältere Schätzung der US-Umweltbehörde EPA nannte rund 0,6 bis 3 Milligramm täglich, die zweite französische Total-Diet-Studie kam auf rund 0,5 Milligramm pro Tag, neuere Auswertungen sogar auf rund 0,2 Milligramm.
Wenn die Schätzungen so weit auseinandergehen, stellt sich die Frage, ob du deine Lithiumzufuhr über die Ernährung gezielt steigern kannst.

Lithium aus der Nahrung
Lithium ist in unserer Nahrung weit verbreitet. Besonders pflanzliche Lebensmittel wie Kartoffeln, Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse und Nüsse enthalten messbare Mengen.
Wie viel Lithium aber tatsächlich in einem Lebensmittel steckt, hängt stark vom Boden und Wasser der jeweiligen Region ab. Zwei Kartoffeln der gleichen Sorte können stark unterschiedliche Mengen enthalten. Verlässliche Lebensmitteltabellen existieren nicht. Über eine vegane oder vegetarische Ernährung wirst du sehr wahrscheinlich mehr Lithium aufnehmen als über eine mit vielen tierischen Produkten, eine gezielte Steuerung bleibt aber schwierig.
Die folgenden Werte beruhen auf einer spanischen Lebensmittelanalyse und sind grobe Durchschnittswerte.
| Lebensmittelgruppe | Lithium (ungefähr, je 100 g) |
|---|---|
| Nüsse und Mandeln | rund 0,88 mg |
| Getreideprodukte | rund 0,44 mg |
| Fisch | rund 0,31 mg |
| Gemüse | rund 0,23 mg |
| Obst | rund 0,14 mg |
| Milchprodukte | rund 0,05 mg |
| Pilze | rund 0,02 mg |
| Fleisch | nur Spuren |
Lithium im Trinkwasser
Im normalen Leitungswasser und in den meisten Mineralwässern ist kaum Lithium enthalten, im Schnitt rund ein Mikrogramm pro Liter.
Lithium im Heilwasser
Anders sieht es bei einigen Heilwässern aus. Staatl. Fachingen enthält rund 0,77 Milligramm Lithium pro Liter, die Hirschquelle rund 1,3. Eine Analyse von 381 deutschen Wässern fand als Spitzenwert rund 1,7 Milligramm pro Liter. Mit rund drei Litern eines solchen Wassers kämst du in ähnliche Größenordnung wie mit einem Lithium-Supplement.
Eines sollte man dabei bedenken. Lithiumreiche Heilwässer enthalten in der Regel auch viel Natrium, Sulfat oder Hydrogencarbonat, deutlich mehr als gewöhnliche Mineralwässer. Sie sind weniger als täglicher Durstlöscher gedacht, sondern werden traditionell kurweise oder in begrenzten Mengen getrunken. Wer nur auf den Lithiumwert schaut, nimmt unter Umständen große Mengen anderer Stoffe mit auf.
Eine Überdosis an Lithium ist auf diesem Weg nicht zu befürchten. Selbst die Wässer mit den höchsten Werten bleiben weit unter den Mengen der medizinischen Lithiumtherapie. Ob die erreichbare Menge einem gesunden Menschen aber überhaupt nützt, ist die eigentliche Frage, und die ist bis heute nicht beantwortet.
Quellen
- Lithium und Alzheimer im Tierversuch Belegt, dass ein Lithiummangel im Gehirn von Mäusen Alzheimer-typische Veränderungen auslöst und eine Lithiumgabe sie zurückbildet. Das ist die Studie hinter dem aktuellen Hype. Nature
- Lithium im Trinkwasser und Suizidraten Meta-Analyse aus 1.286 Regionen in sieben Ländern: Mehr natürliches Lithium im Trinkwasser geht mit niedrigeren Suizidraten einher. British Journal of Psychiatry
- Lithium im Trinkwasser und Demenz Dänische Auswertung zum Zusammenhang zwischen Lithium im Trinkwasser und der Demenzhäufigkeit, mit nicht-linearem, gemischtem Ergebnis. JAMA Psychiatry
- Mikrodosis Lithium bei Alzheimer Kleine Studie, in der 0,3 Milligramm Lithium pro Tag die geistige Leistung von Alzheimer-Patienten über 15 Monate stabil hielt. Current Alzheimer Research
- Lithiumgehalt deutscher Mineral- und Heilwässer Analyse von 381 deutschen Wässern mit einem Spitzenwert von rund 1,7 Milligramm pro Liter. Liefert die Werte für Fachingen, Hirschquelle und die übrigen. Molecular Nutrition & Food Research
- EU-Regeln für Nahrungsergänzungsmittel Die Richtlinie mit der Positivliste der zugelassenen Vitamin- und Mineralstoffe, auf der Lithium nicht steht. EUR-Lex
