Frau im weißen Kittel blickt durch ein Mikroskop, Laborumgebung mit Gläsern und Kollegen im Hintergrund

Ist zu viel Eiweiß ungesund? Belastung für die Nieren im Faktencheck

Ist zu viel Eiweiß ungesund? Belastung für die Nieren im Faktencheck

Eiweiß ist für Muskelerhalt, Sättigung und Stoffwechsel essenziell. Trotzdem hält sich hartnäckig die Sorge, zu viel Eiweiß sei ungesund und könne eine Belastung für die Nieren darstellen. Gerade ab 40 – wenn Muskelmasse natürlicherweise abnimmt und viele gezielt mehr Protein essen – lohnt ein genauer Blick: Was leisten die Nieren wirklich, woher stammt die Warnung, und was sagt die aktuelle Wissenschaft?

Schadet zu viel Eiweiß den Nieren? Die Funktion der Niere im Überblick

Wie die Niere arbeitet – in einfachen Bildern

Stell dir die Nieren wie zwei hochintelligente Kläranlagen vor. Sie reinigen dein Blut rund um die Uhr und halten dabei den Wasser- und Salzhaushalt im Gleichgewicht.

Im Grunde passieren zwei Dinge:

1. Grob filtern:
Aus dem Blut wird zunächst ein „Rohharn“ abgezweigt – vergleichbar mit Wasser, das durch einen groben Filter läuft. Alles, was klein genug ist, geht mit: Wasser, Salze, Zucker, Abfallstoffe.

2. Feinsortieren:
In winzigen Röhrchen holt die Niere das zurück, was der Körper behalten will – etwa Wasser, Salz, Zucker und Aminosäuren.
Was übrig bleibt, wird als Urin ausgeschieden.

Diese Feinsortierung passt sich ständig an. Trinkst du wenig, spart die Niere Wasser. Isst du salzig, scheidet sie mehr Salz aus. Sie reagiert also flexibel auf deinen Alltag.

Eiweiß und Nieren: Belastung oder normale Anpassung?

Eiweiß aus der Nahrung wird im Darm in Aminosäuren zerlegt. Der Körper nutzt sie für Muskeln, Haut, Enzyme und Hormone – also für Aufbau, Reparatur und viele lebenswichtige Prozesse.

Überschüssige Aminosäuren kann er nicht speichern wie Fett oder Kohlenhydrate. Sie werden deshalb in der Leber umgewandelt. Dabei entsteht Harnstoff, ein wasserlöslicher Abfallstoff, der über den Urin ausgeschieden wird.

Je mehr Eiweiß du isst, desto mehr Harnstoff fällt an. Die Niere muss dann etwas schneller arbeiten – wie ein Förderband, das kurzzeitig schneller läuft.
Bei gesunden Nieren ist das keine Belastung, sondern eine ganz normale Anpassung.

Entscheidend ist also nicht die einzelne eiweißreiche Mahlzeit, sondern der Grundzustand der Niere.
Für gesunde Menschen gilt: Zu viel Eiweiß schadet nicht.
Anders bei Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck – hier sollte die Eiweißzufuhr individuell mit dem Arzt abgestimmt werden.

Ursprung der Eiweiß-Nieren-Debatte

Die Brenner-Hypothese (1982): Startpunkt der Vorsicht

Anfang der 1980er-Jahre brachte der Nephrologe Barry M. Brenner eine Idee auf, die das Fach jahrzehntelang prägen sollte. Seine Hypothese: Eine hohe Eiweißzufuhr könne die Nieren stärker durchbluten und zu einer sogenannten Hyperfiltration führen – also einer erhöhten Filterleistung.
Bei bereits geschädigten Nieren, so Brenner, könne das den Krankheitsverlauf beschleunigen.

Diese Annahme erschien plausibel – und sie wurde schnell verallgemeinert.
Aus „weniger Eiweiß hilft bei kranken Nieren“ wurde bald „viel Eiweiß schadet den Nieren“.
Das klang vernünftig, war aber zu kurz gedacht.

Denn gesunde Nieren sind anpassungsfähig: Nach eiweißreichen Mahlzeiten arbeiten sie zwar vorübergehend intensiver, um die Abbauprodukte auszuscheiden – doch das ist keine Überlastung, sondern eine normale Reaktion des Körpers. Die Niere erhöht ihre Leistung kurzzeitig – so, wie das Herz bei körperlicher Aktivität stärker schlägt.

Tiermodelle (Ratte): Was hohe Eiweißzufuhr im Krankheitsmodell bewirkt

Eine oft zitierte Studie stammt aus Tierversuchen mit Ratten, denen ein Teil der Nieren entfernt wurde – das sogenannte „Remnant-Kidney-Modell“.
Die verbliebene Restniere musste dabei deutlich mehr Arbeit übernehmen.

In diesem Zustand führte eine hochproteinhaltige Ernährung langfristig zu stärkerer Belastung der Filtereinheiten und zu sichtbaren Gewebeschäden. Die Forscher schlossen daraus: Bei bereits kranken oder eingeschränkten Nieren könnte weniger Eiweiß sinnvoll sein.

Doch diese Ergebnisse haben Grenzen.

Erstens: Die Versuchstiere erhielten extrem hohe Eiweißmengen – weit über dem, was Menschen normalerweise essen.
Zweitens: Durch die entfernte Nierenmasse mussten die verbleibenden Zellen ohnehin mehr leisten. Diese „Überforderung“ lässt sich kaum mit einer gesunden, voll funktionsfähigen Niere vergleichen.
Drittens: Tierstudien lassen sich nur bedingt auf den Menschen übertragen. Stoffwechsel, Lebensdauer und Belastbarkeit unterscheiden sich deutlich.

Kurz gesagt: Die Tierdaten zeigen, dass Eiweiß bei kranken Nieren eine Rolle spielt – nicht aber, dass es gesunde Nieren schädigt.

Frühe Humanstudien – von kleinen Gruppen zur großen MDRD-Studie

Die ersten Studien am Menschen betrafen fast ausschließlich Patienten mit bereits geschädigten Nieren – etwa durch Diabetes oder Bluthochdruck.
In kleinen, meist kurz laufenden Untersuchungen zeigte eine eiweißärmere Ernährung manchmal eine leichte Verlangsamung des Funktionsverlustes.
Die Ergebnisse waren jedoch uneinheitlich: kleine Teilnehmerzahlen, kurze Laufzeiten, unterschiedliche Diätformen – und oft schwer zu vergleichen.

Später folgte die große „Modification of Diet in Renal Disease“ (MDRD)-Studie.
Sie testete, ob weniger Eiweiß kombiniert mit konsequenter Blutdruckkontrolle Vorteile bringt – verglichen mit einer normalen Ernährung.
Doch auch hier nahmen ausschließlich Menschen mit chronischer Nierenerkrankung teil, keine Gesunden.

Trotzdem fiel das Ergebnis zurückhaltend aus:
Die Effekte der Eiweißsenkung waren klein und uneinheitlich.
Sie zeigten zwar, dass die Niere auf Ernährung reagiert, sagten aber wenig über langfristige Schäden bei Gesunden aus. Hinzu kam: Die strengen Eiweißvorgaben waren im Alltag schwer einzuhalten – was die Aussagekraft zusätzlich einschränkte.

Erneut zeigte sich: Eine eiweißärmere Ernährung kann bei bereits erkrankten Nieren sinnvoll sein – vor allem, wenn die Therapie individuell begleitet wird.
Für gesunde Menschen fanden sich dagegen keine Belege, dass eine eiweißreiche Ernährung die Nieren schädigt.

Warum die Warnung in die Allgemeinbevölkerung schwappte

Die Kombination aus der Brenner-Hypothese, positiven Ergebnissen aus Tierstudien und frühen Humanstudien bei Kranken sorgte dafür, dass sich eine Grundhaltung festsetzte: Weniger Eiweiß ist sicherer.

Über Jahrzehnte galt das als vorsichtiger Rat – auch für Gesunde. Erst später begannen Übersichtsarbeiten, diese Annahme zu hinterfragen. Sie kamen zu einem klaren Punkt: Die alten Studien lassen sich nicht einfach auf gesunde Menschen übertragen. Gesunde Nieren reagieren flexibel und können kurzfristige Mehrarbeit gut ausgleichen.

Ist zu viel Eiweiß ungesund? Aktueller Stand der Forschung

Hinweis: Die folgenden Aussagen beziehen sich auf gesunde Erwachsene ohne bekannte Nierenerkrankung.

Devries & Phillips (2018) – hohe Eiweißmengen in kontrollierten Studien

Diese große Übersicht fasste 28 kontrollierte Studien mit insgesamt 1.358 gesunden Teilnehmern zusammen.
Verglichen wurden normale mit deutlich höheren Eiweißmengen – teils 1,5 bis 3,3 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, über Zeiträume von 3 bis 52 Wochen.

Beobachtet wurden klassische Nierenwerte wie die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) sowie Eiweiß und Harnstoff im Urin.

Das Ergebnis:
Eine höhere Eiweißzufuhr ließ die Filterleistung kurzfristig ansteigen – eine normale Anpassung.
Über die Studiendauer blieb die Nierenfunktion stabil.
Es gab keine Anzeichen für eine Verschlechterung bei gesunden Teilnehmern.

Van Elswyk et al. (2018) – ausgeweiteter Blick über Laborwerte und NierenSteine

Diese Analyse wertete 26 Studien aus, davon 18 kontrollierte und 8 beobachtende Untersuchungen.
Verglichen wurden niedrige bis mittlere Eiweißzufuhren (0,7–1,5 g/kg/Tag) mit höheren Mengen (1,8–2,5 g/kg/Tag).
Ein kleiner Versuch prüfte sogar 3,6 g/kg/Tag über 12 Wochen.

Erfasst wurden Nierenfunktion, Eiweiß im Urin, Harnstoffwerte, Urin-pH, Calciumausscheidung und Nierensteinrisiko.

Das Fazit:
Mehr Eiweiß führte nicht zu einer schlechteren Nierenfunktion.
Zwar kann die Calciumausscheidung ansteigen, doch das Gesamtrisiko für Nierensteine nahm nicht zu.

DGE (2023) – aktueller Überblick bei Gesunden

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) fasste neun systematische Übersichtsarbeiten zusammen – sechs mit Meta-Analyse, drei ohne.
Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen höherer Proteinzufuhr und Nierengesundheit bei gesunden Erwachsenen.

Die erfassten Studien reichten von 1,0 bis 3,3 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag und dauerten meist unter sechs Monaten, einzelne Kohorten über mehrere Jahre.

Bewertet wurden unter anderem:
Filterleistung (GFR), Eiweiß im Urin (Albumin), Harnstoff, Urin-pH, Calciumausscheidung und Nierensteinrisiko.

Das Ergebnis:
Auch hier keine Hinweise, dass eine eiweißreichere Ernährung bei Gesunden die Nieren schädigt oder Nierensteine fördert.
Einige Werte – etwa GFR, Harnstoff oder Calcium im Urin – steigen erwartungsgemäß an, gelten aber als physiologische Anpassung, nicht als Krankheitszeichen.
Für eine endgültige Entwarnung über Jahrzehnte fehlen allerdings Langzeitdaten.

Nierenwerte im Blut – was sie über Eiweiß und Nieren aussagen

Nach aktuellem Stand gilt: Mehr Eiweiß schadet gesunden Nieren nicht.
Trotzdem lohnt es sich, die wichtigsten Blut- und Urinwerte zu kennen – vor allem, wenn du regelmäßig trainierst oder deine Ernährung umgestellt hast. So kannst du Ergebnisse besser einordnen und Messungen richtig vorbereiten.

Frau im weißen Kittel blickt durch ein Mikroskop, Laborumgebung mit Gläsern und Kollegen im Hintergrund

Blutwerte kurz erklärt

Kreatinin:
Abbauprodukt aus der Muskulatur. Menschen mit viel Muskelmasse haben oft höhere Werte – ganz ohne Krankheitszeichen. Ein einzelner Messwert ist deshalb wenig aussagekräftig.

GFR / eGFR:
Die glomeruläre Filtrationsrate gilt als Maß für die Filterleistung der Niere. Im Laborbericht steht meist die eGFR, berechnet aus Kreatinin (oder Cystatin C), Alter und Geschlecht.

Cystatin C:
Alternativer Marker zu Kreatinin. Weniger abhängig von Muskelmasse, daher besonders nützlich bei Sportlern oder bei Verwendung von Kreatinpräparaten.

Harnstoff (Urea):
Steigt nach eiweißreichen Mahlzeiten oder bei Flüssigkeitsmangel kurzfristig an – das ist normal und kein Hinweis auf eine Krankheit.

Urin-Schnelltests Teststreifen

Teststreifen sind beliebt, weil sie schnell Ergebnisse liefern.
Sie prüfen meist auf Eiweiß, Blut, Nitrit, Leukozyten, Glukose, pH-Wert und manchmal Ketone.

Ihre Aussagekraft ist jedoch eingeschränkt.
Trinkmenge, Tageszeit, Sport, Temperatur oder der Säuregrad des Urins können das Ergebnis verändern.
Deshalb zeigen die Streifen häufig falsche Alarme – oder übersehen Auffälligkeiten.

In Studien gelten sie nur als Vormarker.
Wenn etwas auffällt, sollte immer eine Laboruntersuchung folgen.

Messungen richtig planen – kurz & praxisnah

Damit Nierenwerte verlässlich sind, zählt die Vorbereitung.
Ein paar einfache Regeln machen den Unterschied:

Training & Pause

  • Nach intensiven Einheiten (Krafttraining, CrossFit, Sprints): 24–48 Stunden Pause vor Blut- oder Urintest.
  • Nach langen Ausdauereinheiten oder Wettkämpfen: 48–72 Stunden Pause einplanen.
  • Grund: Harte Belastungen können Kreatinin und Eiweiß im Urin vorübergehend erhöhen.

Essen & Trinken

  • Am Vortag normal essen, keine extrem eiweißreiche Spätmahlzeit.
  • Am Testtag nüchtern erscheinen oder leicht frühstücken, wenig Protein.
  • Ausreichend trinken – helle Urinfarbe anstreben. Morgens ein Glas Wasser reicht.

Termin & Zeitpunkt

  • Blutabnahme möglichst am Morgen.

Einflussfaktoren (und was hilft):

  • Viel Muskelmasse: Kreatinin oft höher → zusätzlich Cystatin C bestimmen.
  • Kreatin-Supplemente: können Kreatinin leicht anheben → Einnahme beim Arzt erwähnen, ggf. 3–7 Tage pausieren.
  • Dehydration: lässt Werte künstlich steigen → am Vortag und Morgen gut trinken.
  • Infekte, Fieber oder Hitze: führen häufig zu Fehlalarmen → Termin besser verschieben.

Merke:
Ein einzelner Ausreißer bedeutet wenig.
Entscheidend sind saubere Testbedingungen – und bei Bedarf mehrere Messungen im Verlauf.

Quellen

  1. Brenner, B. M.; Meyer, T. W.; Hostetter, T. H. (1982). Dietary protein intake and the progressive nature of kidney disease: the role of hemodynamically mediated glomerular injury in the pathogenesis of progressive glomerular sclerosis in aging, renal ablation, and intrinsic renal disease – Ursprung der „Brenner-Hypothese“; Grundlage der bis heute geführten Diskussion über Eiweiß und Nierengesundheit.
  2. Hostetter, T. H.; Meyer, T. W.; Rennke, H. G.; Brenner, B. M. (1986). Chronic effects of dietary protein in the rat with intact and reduced renal mass – Tiermodell mit reduzierter Nierenmasse; zeigte stärkere Belastung bei hoher Proteinzufuhr, aber eingeschränkte Übertragbarkeit auf Gesunde.
  3. Klahr, S. et al. (1994). The Effects of Dietary Protein Restriction and Blood-Pressure Control on the Progression of Chronic Renal Disease (MDRD Study) – Große Humanstudie bei chronischer Nierenerkrankung; geringe Effekte der Eiweißreduktion, nicht auf Gesunde übertragbar.
  4. Devries, M. C.; Phillips, S. M. (2018). Changes in Kidney Function Do Not Differ between Healthy Adults Consuming Higher- versus Lower- or Normal-Protein Diets: A Systematic Review and Meta-Analysis – Meta-Analyse von 28 Studien mit gesunden Erwachsenen; keine Hinweise auf Nierenschäden durch höhere Eiweißzufuhr.
  5. Van Elswyk, M. E.; Weatherford, C. A.; McNeill, S. H. (2018). A Systematic Review of Renal Health in Healthy Individuals Associated with Protein Intake – Übersicht zu Nierenfunktion, Calciumausscheidung und Steinrisiko; kein Nachteil durch mehr Eiweiß bei Gesunden.
  6. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2023). Wie wirken hohe Proteinmengen auf die Nierengesundheit? – Bewertung aktueller Übersichtsarbeiten; bei Gesunden keine Hinweise auf Nierenschäden, langfristige Daten stehen noch aus.